Volle Möhre
Aufgescheucht von Umfragen, die die FDP in gefährliche Nähe zu ihrer tatsächlichen Bedeutung rücken, waren gestern Abend die liberalen Spitzenpolitiker nach Berlin geladen.
Um wenigstens die Catering-Rechnung überschaubar zu halten
Dann hat man aber doch noch ein paar mehr reingelassen – und so durfte Generalchristian Lindner im Anschluss an die Sitzung stolz verkünden, man sei „gemeinsam der Meinung, dass wir die Richtung beibehalten wollen, aber das Tempo der Reformen erhöhen müssen.“
Bleibt also abzuwarten, wie lang die brauchen werden, um weitere Schwachsinns-Subventionen zu verkünden.
Lauthals drohte Lindner, die Liberalen hätten sich in den Kopf gesetzt, „schneller als bisher geplant jetzt die weiteren Vorhaben der Koalition” zu “konkretisieren.“
Alles, was dazu nötig ist, ist diese Vorhaben zu identifizieren.
Dem mochte sich auch NRW-Landeschef Andreas Pinkwart nicht verschließen und so bekannte der bekehrte Aufmüpfige, die Botschaft des verflossenen Abends sei: „Wir wollen Tempo machen, damit es wieder bergauf geht mit Deutschland.“
Das mit dem „bergauf“ lässt sich leicht erkennen:
Es wird mühsamer.
Auch Gesundheitsphilipp Rösler fand Gefallen an den Drohgebärden und fügte seinerseits hinzu: „Wir werden mehr auf unsere Positionen achten und eine Stufe härter schalten.“
Dazu Ober-Bayer Horst Seehofer gegenüber Schandmännchen:
„Ach wenn’s mir nur gruselte!“
Schon zuvor hatte Lindner der Bild am Sonntag offenbart, er habe Ungeduld und Veränderungswillen in der Bevölkerung unterschätzt.
Schließlich haben die Liberalen ihre Oppositionsjahre damit verbracht, Ungeduld und Veränderungswillen in der Bevölkerung zu schüren.
Und jetzt sind sie angefressen, weil die Bevölkerung zugehört hat.
Zur-Sache-Sätzchen
Irgendwann mussten die versammelten Liberalen dann aber auch mit der Sprache rausrücken, was sie denn konkret vorhätten. Hier stellte sich dann heraus, dass sie sich vom Stillhalteabkommen mit CSU und CDU absetzen, dem zufolge über Steuersenkungen erst nach Steuerschätzung und NRW-Landtagswahl geredet werden soll. Dazu Pinkwart: „Wir haben kein Stillhalteabkommen, sondern eine Regierung.“
Dafür sollten wir dankbar sein.
Wieder andere hätten womöglich von der längsten Praline der Welt gefaselt.
Noch konkreter wurde Pinkwart im WDR-Interview am Montagmorgen: Dort räumte er zunächst ein, dass die FDP in der öffentlichen Wahrnehmung zurzeit nicht gut dastehe…
Was hat die öffentliche Wahrnehmung damit zu tun?
…und fügte hinzu, dass man nächstens besser auf die Erfolge der schwarz-gelben Regierung aufmerksam machen sollte.
Sagen wir’s mal so: In Düsseldorf weiß seit gestern Nachmittag jeder vom Erfolg der Fortuna über den MSV Duisburg (2:0).
Dazu allerdings hat die Fortuna den MSV zuvor mit 2:0 besiegt.
Des ungeachtet erklärte Pinkwart, nun gehe seine Partei aber mit fröhlichem Optimismus in die Offensive.
Das macht ja auch viel mehr Spaß als miesepetriger Optimismus.
Mit Blick auf die NRW-Landtagswahlen meinte Pinkwart noch, die Schwerpunkte der kommenden Monate würden auf Hilfen für die knappen Kassen der Kommunen sowie die Bildungspolitik gelegt. Details nannte er nicht.
Das wäre dann auch zu peinlich geworden.
Stillhalte-Abkommer
Ganz andere Ansichten äußerte derweil NRW-Landesvater Jürgen Rüttgers. Der erklärte übers Wochenende, die Finanzlage der Kommunen sei ihm wichtiger als mögliche Steuersenkungen. Das muss man sich mal vorstellen.
Dafür hat der extra die schweißtreibende Arbeit an seiner nächsten Büttenrede unterbrochen.
Im WDR wies Rüttgers heute früh auch auf den Koalitionsvertrag hin: Da stehe nämlich nicht nur drin, dass man sich für Steuersenkungen einsetzen werden, sondern auch, dass die ganze Sache unter Finanzierungsvorbehalt stünde.
Das dürfte auf ein interessantes Finale im Stillhalte-Marathon rauslaufen.
Immerhin konnte sich Rüttgers noch dazu durchringen, im Nachsatz zu erklären, dies sei nicht als Ohrfeige an den Partner FDP gemeint, sondern als Hinweis auf einen Sachverhalt.
Und was kann er dafür, dass die Liberalen jeden nur denkbaren Sachverhalt als Ohrfeige auffassen?
Strahlemann
Sollten Sie nun befürchten, dass Union und FDP sich in den nächsten Wochen ausschließlich wegen der Haltungsnote im Stillhalten fetzen werden, kann ich Sie beruhigen.
So lange noch ein deutscher Hotelier in den Ketten der Finanzverwaltung liegt…
Nee anders: Umweltnorbert Röttgen will schneller als gedacht aus der Kernenergie raus.
Komisch:
Kaum wird einer Umweltminister…
Das bringt nun ausgerechnet die FDP wieder in Rage. Außenguido Westerwelle vertraute dem ZDF an, ein Ausstieg aus der Kernenergie sei ein „absolut schwerer Fehler“.
Das muss so.
Mit relativ schweren Fehlern können unsere Kleinkoalitionäre keine Sau mehr beeindrucken.
Weiter führte Westerwelle aus: „Was der Umweltminister gesagt hat, ist nicht die Auffassung der Bundesregierung.“
Er muss es ja wissen, denn er hat die Auffassung der Bundesregierung neulich erst gesehen.
Und da war sie irgendwie klein, knubbelig und lila.
Auch der liberale Generalchristian Lindner machte Bedenken geltend. Er kritisierte, dass die energiepolitische „Linie der Koalition verunklart worden“ sei.
Wie immer so was gehen soll.
Weiter befand Lindner: „Es macht keinen Sinn unsere sicheren Kernkraftwerke jetzt schneller abzuschalten als bisher vereinbart.“
Vielleicht einigen wir uns zunächst darauf, die unsicheren Kernkraftwerke abzuschalten?
Was macht eigentlich …
… der DFB? Kaputt. Weil allen voran Oliver “Hier könnte Ihre Werbung stehen” Bierhoff in den Vertragsverhandlungen zu viel Macht beanspruchte, ist der Deutsche Fußballbund vier Monate vor dem Anpfiff zur Fußball-WM gerade dabei, Bundestrainer und Bundesmanager nach allen Regeln der Kunst öffentlich zu demontieren.
Dass Oliver Bierhoff bereits für eine große Arbeitsrechtsschutzversicherung wirbt, ist aber nur ein böses Gerücht.
Schandmännchen gratuliert …
… Costa Rica zur Präsidentin mit dem höchsten Kuschelfaktor. Die frisch gekürte Regierungschefin hört auf den flauschigen Namen Laura Chinchilla.
Also quasi eine entfernte Verwandte von Dr. Helmut Kohl.
Dessen Name war Hase.
Schreib mal wieder
Die Post steht kurz vor der Markteinführung eines neuen Angebotes. Wie ein Sprecher gegenüber der Wirtschaftswoche erklärte, will das Unternehmen ab Mitte des Jahres Online-Briefe anbieten. Das ist im Prinzip wie E-Mail, kostet aber 46 bzw. 22 Cent Porto.
Dass Herr Ramsauer bereits an der Maut für die Datenautobahn feilt, ist jedoch nur ein böses Gerücht.
Für das Geld gibt es den Online-Brief in zwei Versionen. Nummer 1: Sie verschicken einen elektronischen Brief, den der Briefträger dann jedoch auf Papier zustellt. Praktisch für die Korrespondenz zwischen Enkel und Oma.
Fehlt eigentlich nur noch das Angebot für Oma, das Antwortschreiben einzuscannen.
Nummer 2 ist die rein elektronische Variante, wie man sie von E-Mails kennt. Die soll im Gegensatz zu E-Mails jedoch vertrauenswürdiger sein, weil die Teilnehmer eindeutig identifizierbar sind.
Wobei ich noch Zweifel habe, ob das mit der elektronischen Zustellung tatsächlich funktionieren wird.
So, wie ich die Post kenne, dürfen Sie am Ende doch zum Postamt stalpen, weil Sie beim Zustellungsversuch nicht online waren und statt des elektronischen Einschreibens nur ein oranges Kärtchen im Anhang finden.
Schreib mal wieder ab
Apropos schreiben: Ein handfester Literaturskandal erschüttert Deutschland. Die 17-jährige Autorin Helene Hegemann, die derzeit für ihren Debüt-Roman “Axolotl Roadkill” gefeiert wird, hat zugegeben, Passagen aus einem anderen Werk aus dem Internet geklaut haben. Das berichtet Welt online. Ein Blogger hatte den geistigen Diebstahl durch Vergleich der beiden Texte belegt.
Damit Sie sich selbst ein Bild davon machen können: Hier ist ein Video von einer Lesung neulich.
Die traurige Nachricht des Tages …
… erreicht uns von den asiatischen Andamanen-Inseln. Dort ist im Alter von 85 Jahren die letzte Frau gestorben, die die 65.000 Jahre alte Sprache Bo beherrschte. Damit ist eine weitere Sprache tot, unwiederbringlich verloren.
Gut, dafür entstehen aber auch überall auf der Welt ständig neue Sprachen.