Montag, 24. November 2014 RSS Feed

Post Coitum: “Mit einer Schreibmaschine”

Mit einer Schreibmaschine

Von Michael Müller

Zwar hasse ich es, aus dem Gedächtnis zu zitieren, aber manchmal geht’s halt nicht anders. Längst bin ich älter, als mir lieb sein kann, und ich habe – seit ich Lesen gelernt habe – ständig gelesen. Dabei kommt ne Menge zusammen: Vieles bleibt im Gedächtnis, noch mehr nicht. Ich kann nur hoffen, dass das, was tatsächlich im Gedächtnis bleibt, auch wert ist, im Gedächtnis zu bleiben, und dass das, was vergessen wurde, auch verdient hatte, vergessen zu werden.

Aktuell ringe ich um ein Zitat, das ich – wenn ich mich recht erinnere – in Erich Kästners Autobiografie gefunden zu haben glaube. Dort wird erzählt, wie Kästner während eines Sommerurlaubs irgendwo in Skandinavien zufällig mit Kurt Tucholsky zusammentraf: Kästner (oder wer auch immer) residierte in der Belle Etage, Tucholsky unterm Dach. Von dort sei ständig das Geklappere einer Reiseschreibmaschine zu hören gewesen – der sommerlichen Erholung gewiss nicht sonderlich zuträglich. Irgendwann erwies sich dann, dass Tucholsky für den ungebührlichen Geräuschpegel verantwortlich war: Der war schließlich nicht in der Sommerfrische, sondern im Exil – und versuchte von dort aus „mit einer Schreibmaschine die Welt zu verbessern“.

So, jetzt haben wir’s: Für die paar Worte in Gänsebeinchen verbürge ich mich. Die hab ich tatsächlich irgendwann irgendwo gelesen. Ich bin halbwegs sicher, dass es sich dabei um die Begegnung zwischen Kästner und Tucholsky gehandelt haben mag, aber ich bin gern bereit, mich eines Besseren belehren zu lassen.

Wie dem auch sei: Diese paar Worte haben mich nachhaltig beeindruckt. Also kann es auch wurschtegal sein, wer sie über wen geschrieben hat. Wichtig ist einfach die Formulierung: der Versuch, „mit einer Schreibmaschine die Welt zu verbessern“.

Das hat mich vor mehr als einem Vierteljahrhundert schwer beeindruckt und das tut es auch heute noch.

Seither hab ich das auch mal ausprobiert – und ich hatte sie alle: Reiseschreibmaschinen aus den 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts, abgeschriebene mechanische Büro-Schreibmaschinen aus den 60ern, elektrische und elektronische Schreibmaschinen, mit und ohne Kugelkopf oder Korrekturband… wie gesagt: Sie alle waren mir zu Willen. Dass die Welt sich davon irgendwie gebessert hat, kann ich nicht zwar erkennen. Aber ich war halt einmal infiziert.

Irgendwann in den 80er Jahren traten dann die ersten digitalen Textsysteme in mein Leben: Irgendwas auf’m C64, was ich unmöglich ernst nehmen konnte (weil ich ja ne elektronische Schreibmaschine mit 32-Zeichen-Speicher und Korrekturband besaß), danach „Wordplex Geminios“ (nicht viel mehr als ne verdrahtete Schreibmaschine mit Floppy-Disk, Monitor und Typenrad-Drucker), gefolgt von „DCF“ (einem ziemlich üblen Textprogramm für IBM-Großrechner – mit dem ich allerdings ziemlich gut umgehen konnte). Dann – am Ende der 80er Jahre – die ersten Textverarbeitungen auf dem PC: WordStar, Textomat (von Data Becker – ich geb’s ja zu…) und irgendwann – und nach dem seinerzeit üblichen Exkurs über WordPerfect – war es dann Microsofts Word. Mittlerweile ist es egal, weil es ohnehin keine Unterschiede mehr zu geben scheint. Die Welt hat sich seither auch nicht sonderlich gebessert – aber das muss ja nicht ausschließlich an mir liegen.

Nebenbei hab ich natürlich weiter gelesen. Und dabei ist mir nicht entgangen, dass einer meiner erklärten Lieblingsautoren, Kurt Vonnegut jr., Mitte der 80er Jahre den Roman „Galapagos“ veröffentlichte. Darin beschreibt er die Möglichkeit, schreibend die Welt zu bessern, wie folgt: „Ich schreibe mit meiner Fingerspitze in die leere Luft.“ Für dieses Zitat dürfen Sie mich übrigens gern verhaften (nicht allerdings für die Übersetzung).

Inzwischen sieht die Welt bekanntermaßen grundsätzlich anders aus. Und insofern darf auch die Frage, ob man sie mittels einer Schreibmaschine oder anderer technischer Hilfsmittel bessern kann, abermals auf den Prüfstand: Schließlich gibt’s Internet ja mittlerweile auch für Computer.

Aber genug gescherzt, die Frage ist durchaus ernst gemeint: Ob man mit einer Schreibmaschine die Welt verbessern kann, erscheint mir – nicht zuletzt auf Basis eigener Erfahrung – als eher fraglich. Dass man sie mithilfe des Internet und seiner diversen Spielarten bessern könnte, galt vor rund einem Jahr kurzfristig als ausgemacht.

Die Älteren mögen sich erinnern: Das, was man heute als „arabischen Frühling“ bezeichnet, wurde seinerzeit auch mal als „Facebook-Revolution“ gehandelt, weil die Demonstranten in Tunesien und Ägypten ihre Aktionen über die diversen sozialen Plattformen organisiert hatten. Kein Wunder, dass sich die Web-Community daran förmlich besoffen bloggte. Am Ende stand allerdings die ernüchternde Erkenntnis, dass der „arabische Frühling“ mit Twitter und Facebook ungefähr so viel zu tun hatte, wie die Französische Revolution mit der Druckerpresse: Natürlich haben technische Innovationen gewisse politische Entwicklungen erleichtert – vielleicht gar beschleunigt – aber am Ende waren immer noch die Revolutionäre für die Revolution verantwortlich.

Seit dem 5. März dieses Jahres haben wir ne neue Nummer am Start – und zwar eine verdammt interessante. Die Rede ist hier von „Kony 2012“. Tippen Sie das einfach mal in Ihre Suchmaschine ein. Ich wette zehn Haie gegen einen lumpigen Hering, dass Sie unverzüglich auf ein Youtube-Filmchen stoßen, das ungefähr 30 Minuten lang und einer Erwähnung zweifellos würdig ist.

Kurz zum Hintergrund der Geschichte: Joseph Kony ist ein Warlord, der mit seiner Lord’s Resistance Army (LRA) seit rund 25 Jahren Zentralafrika auf eine Weise terrorisiert, die das Prädikat „Schlächter“ irgendwie verdammt blass aussehen lässt. Das Video stammt von einer Gruppe, die sich „Invisible Children“ nennt. Es wurde gedreht von Jason Russell, es ist verdammt professionell gemacht und verfolgt nur ein einziges Ziel: Die Gräueltaten des Joseph Kony nicht vergessen zu lassen und dafür zu sorgen, dass Kony noch in diesem Jahr der internationalen Justiz zugeführt werden kann.

Das ist einigermaßen neu, denn hier geht’s nicht darum, ein Bewusstsein für irgendein Unrecht zu schaffen (wie etwa beim „Project Chanology“). Im Gegenteil: Dass Joseph Kony einer der übelsten Warlords ist, die derzeit unseren beschissenen kleinen Planeten bevölkern, ist unwidersprochen. Er steht mit seinen Spießgesellen ganz oben auf der Wunschliste des Internationalen Strafgerichtshofs (ICC) und US-Präsident Barack Obama hat mit breitester Mehrheit ein Gesetz durch Senat und Repräsentantenhaus gepaukt, das nicht nur einen Sack voller US-Militärberater, sondern auch zwei Millionen Dollar in Marsch gesetzt hat, um Kony dingfest zu machen.

Hier geht es also nicht darum, das System herauszufordern, sondern darum, das System an seine guten Vorsätze zu erinnern.

Lassen wir mal außen vor, dass das Kony-2012-Filmchen reichlich geleckt daher kommt – eher wie ein längerer Werbespot. Lassen wir auch außen vor, dass ich eine verdammte Abneigung dagegen habe, eine größere Zahl gleich gekleideter Jugendlicher zu sehen, die gleichzeitig den rechten Arm hochreißen (egal, ob die Hand nun gestreckt oder zur Faust geballt ist). Lassen wir außen vor, dass der Film, der ausschließlich auf die US-Politik fokussiert, den (von den USA nicht anerkannten) ICC als ultimative Instanz anführt. Lassen wir schließlich ebenfalls außen vor, dass die Aktion „Kony 2012“ durchaus auch kritische Stimmen evoziert.

Am Ende interessiert mich – und auch Sie, falls Sie überhaupt bis hierher gelesen haben – die Frage, ob sich die Welt mit einer Schreibmaschine bessern lässt.

Dass die Mitteilung, die Bundesgedönskristina Schröder, am 8. März dem Bundestag übermittelte, in Tunesien hätten Frauen „mit ihren Tastaturen eine Diktatur erschüttert und sturmreif geschrieben“, hier nur bedingt als Beleg gelten kann, mag wohl evident sein. Dass „Project Chanology“ – nicht zu vergessen die „Operation Payback“ – bestenfalls für ein paar Nadelstiche sorgen konnten, mag man daran ersehen, das weder Scientology oder Mastercard sich bisher genötigt sahen, ihre Aktivitäten einzustellen.

Vielleicht liegt das ja daran, dass die mutmaßliche Facebook-Revolution, „Project Chanology“ oder „Operation Payback“ ihre Ziele einfach zu hoch gesteckt haben. Kein Diktator, kein Schlächter auf dieser Welt lässt sich von einem Facebook „Like-Button“ beeindrucken. So sind sie nun mal, die Diktatoren und Schlächter. Daran ändert der Umstand, dass das tunesische Regime des Zine el-Abidine Ben Ali kurz vor seinem Ende versuchte, im großen Stil die Facebook-Passwörter tunesischer Bürger abzugreifen und so deren Accounts zu kapern, ebenso wenig wie die Tatsache, dass das Regime des Ägypters Muhammad Husni Mubarak am 28. Januar 2011 – unmittelbar vor seinem mutmaßlichen Untergang – ganz einfach den Stecker aus dem ägyptischen Internet zog.

Die Messlatte der „Invisible Children“ liegt da deutlich niedriger. Denen geht es nicht darum, Diktatoren, Sekten oder internationale Konzerne per Internet und „Like-Button“ aus der Welt zu schaffen. Denen geht es eigentlich nur darum, die demokratisch gewählten Volksvertreter an das zu erinnern, was sie versprochen haben. Das allerdings könnte per „Like-Button“ durchaus klappen: Schließlich werden wir – hierzulande und in den USA – nicht von Diktatoren und Schlächtern regiert, sondern von Bundestagsabgeordneten, Senatoren und Kongressmitgliedern. Und die lassen sich inzwischen durchaus von „Like-Buttons“ beeindrucken. Und – das sollten wir auch nicht vergessen – die kontrollieren die fettesten Budgets und Militärkräfte dieser Welt.

Auch wenn es Sie jetzt enttäuscht: Ich mag hier einfach keine endgültige Bewertung abliefern. „Project Chanology“ erscheint mir nicht weniger wichtig als das Projekt „Kony 2012“. Ich möchte hier einfach nur vorschlagen, dass wir das Projekt „Kony 2012“ wohlwollend und aufmerksam begleiten.

 

Post Scriptum: Als ich mir am vorigen Mittwoch das „Kony 2012“ Filmchen erstmals ansah und anschließend damit begann, diesen Besinnungsaufsatz zu verfassen, war das Video auf YouTube gerade mal drei oder vier Millionen mal betrachtet worden – und ich konnte davon ausgehen, Ihnen noch einen gewissen Neuigkeitswert zu bieten. Seit Donnerstag hat das Thema nun auch die Agenturen, die Online-Medien und die Tagespresse erreicht. Heut Vormittag (Freitag, 9. März 2012, 10:30 Uhr) verzeichnete YouTube über 46 Millionen Abrufe.

Irgendwas scheint da ganz gut zu klappen.

Kommentare sind geschlossen.