Mittwoch, 1. Oktober 2014 RSS Feed

Post Coitum: “Der Neid-Faktor”

Der Neid-Faktor

Von Michael Müller

Hin und wieder kommt es ja vor, dass wir auch im richtigen Leben mit ner echten Todsünde konfrontiert werden. Da kann man nix machen. Schade nur, dass es eigentlich immer die falsche Todsünde ist, die plötzlich und unerwartet in unser Dasein tritt.

Ich weiß ja nicht, wie das bei Ihnen so läuft, mir persönlich kommt es jedenfalls so vor, als würde ich viel zu selten mit „Luxuria“ (der Wollust) konfrontiert. Geradezu alltäglich ist hingegen „Invidia“ (der Neid): Alle wollen so sein wie Michael Müller – und weil das aufgrund gewisser physikalischer Grundregeln nur wenigen Auserwählten bestenfalls im Ansatz vergönnt ist, ist der Neid mein ständiger Begleiter.

(Um irgendwelchen klugen Kommentaren und Anmerkungen gleich im Vorfeld den Boden zu entziehen, gestatte ich mir hier einen kurzen lexikalisch-katechetischen Verweis auf „Suberbia“ (die Hochmut): So weit ich weiß, gilt diese nur als Todsünde, sofern sie unbegründet ist. Ist also nicht meine Baustelle.)

Aber das – wie immer – nur nebenbei. Kommen wir lieber zur Sache: Invidia, also Neid ist ja mehr so der VW-Golf unter den Todsünden. Der zerfrisst die Mehrzahl der Bevölkerung tagtäglich – und das trotz brutaler Umsatzeinbrüche im europäischen Automobilbau. Schließlich ist es ja nicht so, dass eine dicke Karre unerlässlich ist, um unsere Mitmenschen neidisch zu stimmen.

Dazu reichen bisweilen nur Kleinigkeiten – geradezu lächerliche Kleinigkeiten, glauben Sie mir. Denken Sie sich einfach nur mal in die Rolle des CSU-Generalalex Dobrindt hinein (keiner hat gesagt, dass Sie hier was geschenkt kriegen): Dass der mit sich und seiner Welt im Reinen sein dürfte, können wir wohl getrost als ausgeschlossen abhaken.

Was muss dieser arme Mensch alles durchmachen! Monatelanges Gewürge um die Herdprämie – um nur ein Beispiel zu nennen – hat ihm und seiner Partei letztlich nur Eines gebracht: Inzwischen weiß selbst in der Schwesterpartei jeder Hansel, was für ein Schwachsinn das eigentlich ist. Na bitte.

Wie viel einfacher dürfen wir uns dagegen das Leben des FDP-Generalpatrick Döring denken: Sein Fraktionsrainer Brüderle leistet sich gegen Mitternacht an der Hotelbar einen angeschimmelten Herrenwitz – und schon nach Jahresfrist sind die Liberalen wochenlang Herrscher über Tweets und Schlagzeilen; sein hesslicher Landesfürst Jörg-Uwe Hahn labert kurz mal Amok – und schon kugelt sich die Nation; sein Entwicklungsdirk Niebel sorgt gewohnheitsmäßig für alberne Intrigen – und schon hat der Döring den Niebel am Hacken kleben (OK, das letzte Beispiel sollten wir besser streichen).

Wen also sollte der Alexander Dobrindt inniger beneiden als den Patrick Döring? Na? Na bitte.

Und es sieht doch so einfach aus: Einfach mal das Mundwerk auf Autopilot schalten – und schon ist die Medienpräsenz auf Wochen hinaus garantiert. Kann man es dem Herrn Dobrindt verdenken, dass er das auch mal ausprobieren wollte? Kaum.

Also ist doch völlig klar, weshalb er heuer nach dem politischen Aschermittwoch (am 13. 2.) einfach mal kackfrech behauptet hat, bei der CSU-Veranstaltung in der Passauer Dreiländerhalle hätten sich satte 7.000 Claqueure zum Saufen eingefunden: Natürlich hat er fest damit gerechnet, dass prompt (wie am 19. 2. geschehen) Vertreter der Stadt Passau nachdrücklich darauf hinweisen würden, dass die in Rede stehende Halle lediglich für 4.100 Besucher freigegeben sei – und dass es weder von Seiten der Ordnungskräfte noch aus brandpolizeilicher Sicht irgendwelche Probleme gegeben habe.

Alexander Dobrindt wollte halt auch mal das FDP-Gefühl erleben, für irgendeinen Voll-Scheiß wochenlange Popularität („Schatzi, heute hab ich Passau-Gate geschafft!“) zu genießen. Muss man verstehen.

Aber dann muss man auch einsehen: Er hat’s einfach nicht drauf.

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